Schwierige Elterngespräche führen

By | September 15, 2019

Aus der perspektive eines Lehrers: Jeder hat es mal erlebt und musste irgendwann mal, ein schwieriges Gespräch mit Eltern führen.

In diesem Beitrag erfahrt Ihr wie Ihr es über euch bringt und möglichst effektiv in solch einer Situation handelt.

Gespräche mit Eltern zu führen kann schwierig sein

Nicht selten mischen sich Eltern rechthaberisch in Lehreraufgaben ein oder wollen nur ihre Interessen durchsetzen.

Zugleich sind Elterngespräche nicht nur rechtlich verpflichtend, sondern auch Voraussetzung für Gleichsinnigkeit im pädagogischen Handeln, ohne die eine klare Verhaltensorientierung für die Schülerinnen und Schüler nicht möglich ist.

Aufgabe der Schulleitung ist es nicht nur, selbst Elterngespräche kompetent zu führen, sondern auch für eine professionelle Gesprächskultur an ihrer Schule zu sorgen.

Lehrkräfte sind Gesprächspartei und Gesprächsführung

In Gesprächen zwischen Professionellen – wie Lehrerinnen und Lehrern – und Laien – den Eltern – haben immer die Professionellen die Verantwortung für die Gesprächsführung und sie können von den Eltern kein professionelles Gesprächsverhalten erwarten.

Ob ein Elterngespräch gelingt, liegt deshalb in der Verantwortung der Lehrkräfte.

Das setzt Klarheit darüber voraus, dass die Lehrkräfte in zwei Rollen agieren: Sie sind einerseits Gesprächspartei und als solche den Eltern gleichgestellt. Andererseits sind sie Gesprächsführer und als solche mit der Macht der Moderation ausgestattet.

Das ermöglicht ihnen, auf die Einhaltung der Gesprächsregeln zu achten und unangemessenem Gesprächsverhalten Grenzen zu setzen.

Voraussetzung dafür ist, den Gesprächsverlauf und die beiden Parteien – also die Eltern und sich selbst – im Blick zu haben und sich selbst aus der Sicht der Eltern wahrzunehmen.

Die Elternsicht verstehen

Elterngespräche professionell zu führen setzt voraus, sich in die Sicht der Eltern hineinzuversetzen: Wie nehmen sie die Schule wahr?

Was wissen sie über die Schule? Welche Emotionen prägen die Wahrnehmung der Schule und der einzelnen Lehrkräfte?

Eltern kennen das schulische Umfeld nur indirekt

Was die Eltern über die Schule und das Verhalten ihres Kindes und der Lehrkräfte in der Schule wissen, wird durch das gesteuert, was ihr Kind ihnen erzählt. Schließen sie aus dieser selektiven und subjektiven Sicht darauf, was objektiv in der Schule passiert, kommt es zu verzerrten Bildern der schulischen Wirklichkeit.

Eltern haben kein klares Bild von der Lehrerprofessionalität

Anders als bei Handwerkern, Ärzten und anderen Berufen weist die Lehrerprofessionalität keine klare Ausprägung auf.

Das erschwert Eltern, die professionelle Expertise der Lehrer/innen anzuerkennen, und das kann zur Folge haben, dass Eltern beanspruchen, besser als die Lehrkräfte zu wissen, was für ihr Kind und die Klasse das Richtige ist.

Eltern sorgen sich um das Wohl ihres Kindes

Haben Eltern das Gefühl, dass ihr Kind in der Schule nicht verstanden und fair behandelt wird, kann es zur Sammlung von Nachweisen als Material für eine Beschwerde kommen.

Auf Seiten der Lehrkräfte kann dann die Reaktion sein, ihre Schüler/innen nur noch darauf hin zu beobachten, welche Leistungsdefizite sie aufweisen und welches Fehlverhalten sie zeigen. Diese wechselseitige Aufrüstung macht dann Verständigung und Vereinbarungen unmöglich.

Eltern empfinden die Gesprächssituation als strukturell benachteiligend

Dass die Elterngespräche in der Regel in der Schule stattfinden, bietet den Lehrkräften einen Heimvorteil. Je angespannter Eltern die Beziehung zu einer Lehrperson oder zur Schule insgesamt erleben, umso stärker werden sie das Gefühl haben, mit dem Schulraum feindliches Territorium zu betreten.

Eltern können sich bei schicht- und kulturspezifischen Differenzen durch die Lehrersprache und (Mittelschicht-) Kultur ausgeschlossen fühlen.

Ohne dass dies den Lehrkräften bewusst wird, kann ihr sprachliches und kulturelles Verhalten exklusiv wirken und einschüchtern.

Als Reaktion können Ängste entstehen, die wechselseitiges Verstehen und Offenheit blockieren, oder Eltern kompensieren das Gefühl der Unterlegenheit durch Emotionalisierung und Empörung.

Dem zu begegnen, setzt ein hohes Maß an Selbstreflexion voraus, um sich der eigenen kulturellen Selbstverständlichkeiten bewusst zu werden, die für andere eben nicht selbstverständlich sind.

Gespräche deeskalierend führen

Um gerade auch die schwierigen Elterngespräche professionell zu führen, braucht es emotionale Gelassenheit. Sie wird gestützt durch die Gewissheit, dass ein Elterngespräch nicht scheitern kann, solange die Leitungs- oder Lehrperson ihre Moderationsrolle hält.

Denn in dieser Rolle kann sie die Macht der Moderation einsetzen, um Gesprächsregeln durchzusetzen, bei Verstößen klare Grenzen zu setzen und im Notfall auch ein Gespräch abzubrechen, wenn die emotionale Erhitzung eine sinnvolle Weiterführung unmöglich macht.

Auch bei einem Abbruch ist ein Gespräch nicht gescheitert – unter der Voraussetzung, dass der Abbruch mit einer Vereinbarung verbunden wird, ob, wann und wie das Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt weitergeführt wird.

Wichtig ist zudem, dass die Eltern ihre Positionen und Sichtweisen äußern können, angehört werden und sich ernst genommen fühlen.

Deeskalierend wirkt auch, wenn man eigene Fehler zugesteht – sowohl im Hinblick auf ein Verhalten, das Anlass für eine Elternbeschwerde gewesen ist, als auch im Hinblick auf die Gesprächsführung, wenn man aus dem Ärger über das unprofessionelle und vielleicht sogar ungehörige Verhalten der Eltern agiert und damit die Allparteilichkeit in der Moderationsrolle aufgegeben hat.

Hilfreich ist zudem, das Gesprächserleben und die Ziele im Gesprächsverlauf abzugleichen. Voraussetzung dafür ist, zu Beginn das Ziel zu klären: „Was soll am Ende des Gesprächs erreicht sein?“

Gerät das Ziel dann aus dem Blick, kann die Zielvergewisserung dazu dienen, festzulegen, ob das vereinbarte Ziel noch gilt oder das Ziel neu vereinbart werden muss.

Das Gesprächserleben abzugleichen, ist immer dann sinnvoll, wenn die Lehrperson das Gefühl hat, dass es Störungen oder Missstimmung gibt. Dann kann die Lehrperson ihr Erleben schildern und nachfragen, ob die Eltern das bisherige Gespräch ähnlich oder anders erlebt haben.

Zudem kann ein Innehalten im Gespräch dazu dienen, sich zu vergewissern: „Worüber haben wir Einverständnis und wo gibt es noch Dissens? Was davon können und wollen wir noch klären?“

Kommt es zum Streit, wer Recht hat, ist eine Klärung, um welche Art der Meinungsverschiedenheit es sich handelt: Geht es um eine überprüfbare Tatsache und kann sie jetzt und hier überprüft werden?

Oder geht es um Meinungen, die durch Argumente gestützt werden und bei denen Konsens durch Überzeugen erreicht wird?

Schließlich kann es auch um Geschmacksurteile und Empfindungen gehen, bei denen das Ziel ist, sich wechselseitig besser zu verstehen.

Das Gespräch deeskalierend zu führen, setzt voraus, sich nicht als Gesprächsführer selbst in eine Emotionalisierung zu verstricken.

Deshalb ist es wichtig, rechtzeitig an die grundlegenden Gesprächsregeln zu erinnern, um eine Eskalation durch Empörung und Beleidigung mit der Macht der Moderation zu stoppen.

Denn sonst kann man die Rolle der Gesprächsführung nicht mehr halten. Die Folge: Weil es dann nur noch Gesprächsparteien, aber keine Moderation mehr gibt, scheitert dann  – aber auch nur dann – das Gespräch.

Den Elterngesprächen eine Struktur geben

Eine klare Strukturierung wirkt störungspräventiv und erleichtert es, die Gespräche zielorientiert zu führen.

Dabei geht es um vier Phasen:

Die Orientierungsphase

Sie dient der Herstellung oder Vergewisserung einer vertrauensvollen Beziehung, der Klärung des Themas, des Gesprächsziels sowie der normativen Rahmenvorgaben, sodass klar ist, was verhandelbar ist und was als Vorgabe die Lehrkraft schulrechtlich bindet.

Die Klärungsphase

Sie dient der Klärung des Anliegens, der Situation und der systemischen Zusammenhänge.

Die Veränderungsphase

In ihr geht es um eine Ideensammlung und –bewertung, welche Maßnahmen für eine positive Veränderung der Situation, die Lösung der Probleme und die Bewältigung zukünftiger Aufgaben und Anforderungen geeignet sind.

Die Abschlussphase

In ihr geht es darum, das erreichte Ergebnis zu sichern und zu vereinbaren, was die nächsten Schritte sind und wie mit möglichen Störungen und Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Absprachen und Vereinbarungen umgegangen werden soll.

Dieses Phasenmodell muss an die unterschiedlichen Gesprächstypen wie das Beratungs-, Kritik- oder Beschwerdegespräch angepasst werden.

Der Aufwand für Elterngespräche lohnt

Die Kommunikation zwischen den Lehrpersonen und den Eltern ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass den Schülerinnen und Schülern die Spielräume und Grenzen für ihr Handeln klar sind, dass sie durch eine klare Verhaltensorientierung Regelbewusstsein entwickeln und lernen, Regeln konstruktiv und situativ passend anzuwenden – und das ist auch die grundlegende Voraussetzung für ihre Bereitschaft, Verantwortung für sich, das eigene Handeln und die Handlungsfolgen zu übernehmen.

Ohne eine solche Verständigung hätten es nicht nur die Schülerinnen und Schüler schwerer, sondern auch die Lehrpersonen.

Deshalb lohnt sich die Investition von Zeit, Aufwand und Energie.

Denn auf lange Sicht ist der Nutzen, aufgrund einer klaren Kommunikation und Verständigung zwischen den Eltern, den Lehrkräften und der Schulleitung mit den Schülerinnen und Schülern klar kommen zu können, weitaus höher als der Aufwand für die Elterngespräche und die dadurch bewirkte Entlastung ist weitaus höher als die Belastung durch schwierige Elterngespräche.

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